In der Sitzung des Ortschaftsrats vom 27. Januar wurde unser Antrag einstimmig positiv angenommen. Im Nachhinein wurden noch Fragen an uns herangetragen. Diese Fragen haben wir gesammelt und stellen sie nun mit unseren Antworten hier zur Verfügung. So kann sich jeder, der selbst noch unsicher ist oder Fragen hat, über das Thema an sich und unsere Intention informieren.
- Wieso extra die Flagge hissen? Wird nicht gerade so Außergewöhnlichkeit betont?
Unser Anliegen ist es, mit dem Hissen der Regenbogenflagge am 17.Mai für eine akzeptierte Normalität der LGBTQIA*-Gemeinschaft einzustehen. Offensives Zeigen und Unterstützen durch die Flagge können dann aufhören, wenn Normalität erreicht ist.
Die Schritte in Richtung Vielfalt und Akzeptanz sollten herausgestellt und gefeiert werden, so wie es auch andere Gedenktage gibt, um an Menschengruppen zu erinnern, denen Unrecht angetan wurde. So zeigen wir, dass wir mit diesem Verhalten nicht einverstanden sind und dass betroffene Menschen in unserer Mitte sicher, gewollt und geliebt sind.
- Bewirkt kollektives Flaggenhissen nicht eher Gegenteiliges, gibt also Raum für offen ablehnende Reaktionen?
Indem man eine Sorge (auch eine ehrliche), mit dem Hissen einer Flagge manchen Menschen vor den Kopf zu stoßen und sie so zum gegenteiligen Verhalten zu führen, als Grund benutzt nichts zu tun, solidarisiert man sich direkt oder indirekt mit ihnen. Damit unterstützt man genau die, die sich auf irgendeine Weise gestört fühlen und kein Verständnis, vielleicht sogar Abneigung, gegen bestimmte Mitmenschen haben. Eine Empfindung, der wir entgegentreten wollen.
- Sollten nicht nur Betroffene agieren?
Wieso? Ist es nicht unglaublich wichtig, dass auch oder sogar vor allem Menschen der Norm-Gruppe sich solidarisch zeigen und sich gegen ein langzeitiges Fehlverhalten aus den eigenen Kreisen stellen? Außerdem geht es nicht darum, eine Möglichkeit der (Selbst-)Repräsentation einer marginalisierten, diskriminierten Gruppe zu stehlen, es geht darum, dass sich ein Ort als sicherer und akzeptierender, vor allem weltoffener Ort vorstellt.
- Öffnet man damit nicht Tür und Tor für die Forderung anderer Gruppen, ihre Interessen öffentlich dargestellt zu sehen?
(Anmerkung: andere Gruppen z.B. Freimaurer, Querdenker, Anthroposophen, Quäker, Homo-Bi-Transphobe, ….)
Im Sinne der Vielfalt, Akzeptanz und Gleichberechtigung: Ja. Soweit es sich um Menschen handelt, die für ihr Recht auf ihre Art zu leben einstehen und damit niemandem Schaden wollen oder zufügen bzw. die demokratischen Werte angreifen, wie z.B. Querdenker:innen, gilt diese Möglichkeit für alle. Vor allem wenn es um Gruppen geht, die eine unfaire und unbegründete Einschränkung erleben oder erlebt haben sollten wir Gerechtigkeit zeigen, allen dieselben Möglichkeiten zur politischen und gesellschaftlichen Aktivität bieten.
- Muss man seine Sexualität/sein Gender unbedingt öffentlich machen oder öffentlich thematisieren?
Niemand muss irgendetwas, das müssen auch LGBTQIA*-Menschen nicht. Mit dem Thematisieren ihrer Sexualität/ihres Gender und Zeigen der Regenbogenflagge (Pride-Fahne) geht es darum, offen zu etwas zu stehen, das man lange nicht zeigen durfte/konnte und teils immer noch nicht darf.
Zudem müssen sich Personen der LGBTQIA*-Gemeinschaft in unserer heteronormativen Gesellschaft (= Heterosexualität wird als Norm angenommen) dauerhaft erklären, um nicht falschen Annahmen und Erwartungen ausgesetzt zu sein. Für diejenigen, die in unserer Gesellschaft der Norm entsprechen, ist das nicht der Fall. Sie leben in einer Welt, in der sie allen Annahmen entsprechen.
- Sollte man in diesem Thema nicht einfach Gelassenheit zeigen und das ganze ruhen lassen/in Ruhe lassen? Auch um einige Mitmenschen (bspw. Ältere Personen) nicht zu überfordern?
Wenn wir gelassen sind, kann man doch hinnehmen, dass neben den anderen Feiertagen zum Gedenken oder Ehren einer bestimmten Bevölkerungsgruppe oder eines Ereignisses noch ein Tag dazu kommt. Es ist doch schön eine neugewonnene Möglichkeit (zu etwas öffentlich zu stehen) zu feiern und dabei etwas zu lernen. Eine potenzielle Ablehnung oder ein Unverständnis bei manchen Menschen wird sich nur über die Zeit verändern oder auch nicht. Das hat nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit dem Lernen oder Erwerben genereller zwischenmenschlicher Toleranz.
- Sollten man (bei solch einem umstrittenen Thema) nicht (einfach) als Einzelpersonen agieren?
Gerne. Es geht aber darum, sich auch geschlossen als Gesellschaft gegen Hass und Unfairness zu stellen (das ist momentan in vielfältigen Bereichen nötig). Es geht um Zeichen setzen im öffentlichen Raum und menschliches Zusammenleben über die Türschwelle hinweg.
- Heißt eine Flagge zu hissen eine kollektive Anordnung an der Feier und dem Diskurs teilhaben zu müssen?
Das Hissen einer Flagge im öffentlichen Raum erlaubt das Zeigen von Solidarität und Gedenken eines ganzen Ortes, aller dort wohnenden Menschen, unabhängig davon, ob sie nun zu einer Feier kommen würden/könnten oder nicht. Gerade das kollektive Anerkennen, das kollektive Zeigen von Toleranz ist das was angestrebt wird. Sollten sich einzelne Privatpersonen gegen die vertretenen Werte stellen oder davon distanzieren wollen, haben sie die Möglichkeit dies im Rahmen ihrer demokratischen Rechte (und Pflichten) zu tun.
- Ist man, wenn man nicht so richtig dafür ist, wirklich gleich dagegen?
Es geht hier um ein Menschenrecht, das Recht so zu leben, wie man möchte, ohne dadurch Einschränkungen, Hindernisse oder Benachteiligung zu erfahren. In der Sache eines Menschenrechts gibt es tatsächlich kein „ich bin etwas dafür“. Menschenrechte gesteht man zu oder eben nicht.